#20 - Unser Umgang mit der Umgangssprache
Shownotes
Wie gehst du eigentlich mit deiner eigenen Sprache um? Die meisten von uns denken bei Wörtern wie „ich brenne dafür" oder „ich muss mich da durchbeißen" keine Sekunde nach – dabei steckt jede Menge Gewalt drin.
In dieser Folge nehmen wir unsere Umgangssprache mal genauer unter die Lupe: gewaltvolle Formulierungen wie „Feuer frei" oder „Deadline", ableistische Begriffe wie „an den Rollstuhl gefesselt" und die Herkunft von Wörtern wie Dschungel, Kindergarten oder Schlamassel. Dazu Begriffe mit richtig erschreckendem Ursprung – von der „Nacht-und-Nebel-Aktion" bis zu Redewendungen aus der NS-Zeit, die heute zum Teil völlig gedankenlos verwendet werden. Und wir diskutieren, warum „man darf ja gar nichts mehr sagen" eigentlich keine gute Ausrede ist.
Schnappt euch einen Kaffee und hört rein – vielleicht schaut ihr euren eigenen Sprachgebrauch danach nochmal mit anderen Augen an.
Transkript anzeigen
Timo: Willkommen zur neuen Folge von Coffee Chaos Clarity, eurem Podcast,
Timo: bei dem wir beim Kaffeetrinken versuchen, das Gedankenchaos zu sortieren und Klarheit zu finden.
Timo: Sylvie, was hast du heute mitgebracht?
Silvi: Ja, in der heutigen Folge geht es um Sprache, genauer gesagt um unsere Umgangssprache,
Silvi: und die Verwendung von verschiedenen Begriffen, deren Hintergrund wir oftmals
Silvi: vielleicht gar nicht kennen.
Timo: Oh, das klingt wieder mal sehr spannend. Ich freue mich mega drauf.
Timo: Ich finde es wichtig, bei dem Thema einen kleinen Disclaimer vorab zu schicken.
Timo: Um den Hintergrund von manchen Begriffen zu erläutern, ist es bei uns wichtig,
Timo: dass wir die Begriffe aussprechen,
Timo: die wir im Alltag sonst versuchen würden nicht zu benennen, um auch hier den
Timo: Kontext einfach klar zu kriegen. Das finde ich einfach nochmal wichtig zu sagen.
Silvi: Guter Hinweis, genau. Ja, vielleicht dazu ergänzend noch, es geht heute nicht
Silvi: um Gendern oder nicht diskriminierende Sprache.
Silvi: Das schneiden wir bestimmt auch, gehört irgendwie zu dem ganzen Thema dazu.
Silvi: Das ist allerdings bestimmt mittlerweile bei jedem angekommen.
Silvi: Klar, angekommen heißt noch nicht verstanden, verstanden heißt noch nicht umgesetzt,
Silvi: aber das ist ja irgendwie auch gar nicht unser Ziel, sondern wir wollen uns
Silvi: heute mit Begriffen befassen, wo es nicht so offensichtlich vielleicht ist.
Timo: Das finde ich auch nochmal gut. Also wir sind auch keine Sprachspezialisten,
Timo: sondern wir schildern es aus unserem Alltag, so wie es uns begegnet.
Timo: Wir informieren uns darüber und versuchen da Perspektiven auszutauschen.
Timo: Gut, genau, dann würde ich einfach auch schon mal mit einem Beispiel starten
Timo: aus der Sprache, was man im Alltag häufig verwendet. Ich habe da mal drei Stück mitgebracht.
Timo: Und das Erste ist, ich brenne dafür.
Timo: Das sage, habe ich auch schon sehr.
Silvi: Sehr oft gesagt. Direkt gewaltvolle Sprache.
Timo: Direkt denkt man gar nicht, ich brenne dafür. Ich habe das oftmals damit verbunden,
Timo: Motivation und ich habe voll Bock.
Timo: Das ist nochmal so eine Steigerung. Und wenn man es sich durchdenkt,
Timo: ist es dann nochmal das Bild der Selbstverbrettung, Feuertod.
Timo: Harmlos ist das alles, ist das auf gar keinen Fall.
Silvi: Nee, ich finde da ist es auch leicht erkennbar, okay, das ist gewaltvolle Sprache.
Silvi: Also mir geht es so, bei manchen Begriffen, seit ich das einmal so im Kopf klar
Silvi: habe, gewaltvolle Sprache, also sowas wie Deadline zum Beispiel,
Silvi: benutze ich den Begriff nicht mehr, weil jetzt kriege ich das nicht mehr voneinander getrennt.
Timo: Ja, wenn man das einmal bewusst hat, dann hat man das schon mal im Unterbewusstsein, glaube ich.
Timo: Die anderen zwei Beispiele ist einmal auch Feuer frei.
Timo: Frage, Präsentation, kennen vielleicht der eine oder die andere,
Timo: beendet und dann Fragerunde und dann sagt man auch Feuer frei.
Timo: Und das ist eigentlich auch sehr gewaltvoll, weil Feuer Freier heißt,
Timo: es wird jemand erschossen, wenn man das in einem anderen Kontext betrachtet.
Timo: Und das letzte Beispiel ist sich durchbeißen, was ja auch sehr oft verwendet
Timo: wird oder man sehr gerne sehr oft verwenden könnte oder verwendet.
Timo: Und da ist es ja Beißen, Schmerz, Erfolg durch Schmerz, körperliche Aggression.
Silvi: Ich glaube, das kommt sogar so aus dem Jagdbereich, dass ein Tier sich irgendwie
Silvi: durchbeißt und damit aus der Falle befreit oder was auch immer.
Timo: Ah, okay, ich weiß es auch nicht hundertprozentig, aber die Assoziation,
Timo: die bei mir gerade kommt, ist bei, wenn ich sehe, wie Löwen oder Tiger jagen
Timo: und dann halt die Kehle durchbeißen, um die Beute zu töten.
Timo: Ich weiß nicht, ob das darauf zurückzubeziehen ist, aber das fällt mir gerade dabei ein.
Silvi: Das ist ja direkt voll der brutale Einstieg hier.
Timo: Ja, schon, ziemlich. Heute sind wir die brutal los. Mein Gott.
Silvi: Ähm,
Silvi: Ja, ich habe mich in Vorbereitung auf die Folge, hatte ich die nicht-ableistische Sprache im Fokus.
Silvi: Und zwar im Kontext, dass man zum Beispiel manchmal Posts sieht,
Silvi: ist auch egal welche Plattform,
Silvi: in denen viele Emojis vorhanden sind oder mit fetter und kursiver Schrift,
Silvi: vielleicht auch verschiedenen Schriftarten gearbeitet wird.
Silvi: Und ich wurde mal darauf aufmerksam gemacht, dass,
Silvi: Menschen mit einer Sehbehinderung ja sogenannte Screenreader benutzen und das
Silvi: zum Teil entweder gar nicht richtig umgesetzt wird oder halt nur so kryptisch.
Silvi: Also dass dann zum Beispiel bei einem Zwinker-Smiley da eben steht Emoji mit,
Silvi: einem geschlossenen Auge.
Silvi: Also vielleicht nicht ganz so kompliziert, wie ich das gerade wiedergebe,
Silvi: aber es unterbricht eben deutlich den Lesefluss.
Silvi: Oder wenn man sich das vorlesen lässt, dann ist es einfach auch nicht mehr schlüssig,
Silvi: wenn du viele Emojis drin hast und jedes Mal wird auch noch das Emoji zwischendrin erklärt.
Timo: Ja.
Silvi: Oder fettgedruckte Schrift ist, glaube ich, teilweise einfach nicht lesbar.
Timo: Ich habe noch eine Zwischenfrage. Was heißt denn ablestisch?
Silvi: Ableistisch. Also nicht ableistische Sprache vermeidet Worte...
Silvi: Die Menschen wegen einer körperlichen, einer geistigen oder vielleicht auch
Silvi: einer psychischen Beeinträchtigung abwerten und auf diese Behinderung eben reduzieren.
Timo: Okay, verstanden.
Silvi: Und bei nicht ableistischer Sprache versucht man eben den Menschen in den Vordergrund
Silvi: zu stellen und nicht das Attribut, was diese Person dann halt hat.
Silvi: Also zum Beispiel wäre ein ableistischer Begriff, jemand ist an den Rollstuhl gefesselt.
Silvi: Es ist so eine Aussage, die vielleicht schon öfter getroffen wird,
Silvi: aber es ist einfach super negativ, weil der Rollstuhl ist für jemanden,
Silvi: der nicht laufen kann, ja eher,
Silvi: eine Möglichkeit, trotzdem mobil zu sein, vielleicht sogar unabhängig mobil zu sein,
Silvi: und eben keine Fessel. Also eine bessere Alternative wäre in dem Zusammenhang
Silvi: zu sagen, eine Person, die den Rollstuhl nutzt oder den Rollstuhl fährt.
Timo: Ist es, also wenn man das Beispiel im Straßenverkehr, Mann, du bist doch blind
Timo: oder siehst du das nicht, du bist doch blind, das kann man da auch in die Kategorie packen?
Silvi: Ja, auf jeden Fall. Weil es eben den Verlust von Sehvermögen einfach als negativ direkt beschreibt.
Silvi: Und wenn jemand mit dem Auto rumfährt, also ich glaube, Menschen ohne Sehvermögen,
Silvi: können gar kein Auto fahren.
Silvi: Es gibt kein autonomes Fahren für diese Menschen.
Silvi: Also selber fahren, so rum. Ein anderes Beispiel ist vielleicht,
Silvi: man spricht oft von einem blinden Fleck.
Silvi: Für Bereiche, die man vielleicht selber nicht sieht. Also eher im Sinne von einer Reflexion.
Silvi: Da habe ich vielleicht eine Lücke, dass ich mich so und so verhalte und habe das gar nicht im Blick.
Timo: Ja, verstanden. Es sind sehr viele Beispiele, die zeigen, dass Sprache Realität schafft.
Silvi: Ja, auf jeden Fall.
Timo: Ein zentraler Punkt.
Silvi: Auf jeden Fall. Ja. Und ja, in dem Zusammenhang war irgendwie auch so das Thema,
Silvi: wie viele Worte wir in unserem alltäglichen Sprachgebrauch haben,
Silvi: die ihren Ursprung wo ganz anders haben, also in anderen Kulturen,
Silvi: andere Herkunftssprachen.
Silvi: Das ist natürlich das Englische, das ist irgendwie ja schon gang und gäbe.
Silvi: Job, Stadt, Arbeit oder Beruf.
Silvi: Cool, sagt man irgendwie ständig. Oder Computer, kein Mensch spricht von einer Rechenmaschine.
Silvi: Was vielleicht die korrekte Übersetzung wäre.
Silvi: Ja, aber es sind auch viele andere Sachen, wo man gar nicht,
Silvi: also ich nicht wusste, wo es herkommt.
Silvi: Dschungel zum Beispiel kommt aus dem Hindi, also aus der indischen Sprache.
Timo: Interessant, wusste ich auch nicht.
Silvi: Wir haben viele Begriffe, die aus dem jiddischen oder hebräischen stammen,
Silvi: sowas wie Maloche für harte Arbeit oder Schlamassel, eine schwierige Lage.
Silvi: Genau, aber auch umgekehrt, deutsche Begriffe, die international verwendet werden.
Silvi: Kindergarten zum Beispiel sagt man im amerikanischen und auch im britischen Englisch.
Timo: Ja, finde ich super cool.
Silvi: Auch Rucksack ist im Englischen ein normales Wort. Das wusste ich auch nicht.
Silvi: Und klar, Sauerkrautschnitzel, dafür sind die Deutschen scheinbar weltweit bekannt.
Timo: Ja, auf jeden Fall.
Silvi: Ja, genau. Aber wir wollten uns ja auch darauf fokussieren, welche Begriffe,
Silvi: vielleicht einen problematischen Hintergrund haben, was einem gar nicht so bewusst ist.
Silvi: Hast du dazu ein Beispiel? Ja.
Timo: Ich würde gerne nochmal kurz einen Zwischenpunkt noch mit rein einfügen,
Timo: dass Sprache auch unser Denken und Handeln beeinflusst.
Timo: Und auch, was ich nochmal wichtig finde, das hat man auch an den Begriffen gesehen,
Timo: die wir schon benannt haben, dass auch englische Begriffe Einzug halten,
Timo: französische Portemonnaie, etc. mit reinkommen in die Sprache.
Timo: Und auch die deutsche Sprache, die ist so scharf, die ist so,
Timo: ich kann es manchmal gar nicht beschreiben, wenn man dann aber das Französische
Timo: oder auch Spanische hört, das hört sich so fließend, ich weiß gar nicht.
Silvi: Du meinst, von der Phonetik hört es sich softer vielleicht an?
Timo: Ja, von der Phonetik softer und ich habe das Gefühl, das ist wirklich beeinflusst
Timo: auch die Kultur und das Handeln der Menschen, das Denken, wo man also,
Timo: wenn man in Deutschland, Und wir denken oft kompliziert oder auch um verschiedene Ecken rum.
Timo: Vielleicht hat das was mit der Sprache zu tun. Das finde ich immer schöne Beobachtung.
Timo: Und wenn Sprachen anders sind, wie du sagst, das Phonetische,
Timo: das Lockere, das Leichte, dann fällt es anderen,
Timo: ist es vielleicht gar nicht so schwierig. Den fällt es einfacher, Sachen zu finden.
Silvi: Oh, da fahre ich ein super Beispiel.
Timo: Noch ein Punkt. Es gibt ja auch, das finde ich immer faszinierend,
Timo: wenn ich auch mit Leuten rede,
Timo: wo Deutsch nicht die Muttersprache ist dass wir für alles ein Wort haben und
Timo: dass wirklich auch dass es in anderen Sprachen manche Wörter gar nicht gibt,
Timo: das finde ich spannend ich glaube.
Silvi: Umgekehrt ist das genauso ich habe mal gehört, dass es im Russischen,
Silvi: für Blautöne verschiedene Worte gibt und bei uns ist es halt hellblau, dunkelblau,
Silvi: Klar kann ich jetzt auch noch sagen Azurblau oder irgendwas,
Silvi: aber es ist immer irgendwie blau.
Timo: Zusammengesetzt.
Silvi: Und da gibt es scheinbar unterschiedliche Begriffe.
Silvi: Aber mein Beispiel war Mandarin, also eine chinesische Sprache.
Silvi: Da gibt es verschiedene Worte, also wirklich komplett verschiedene Worte für,
Silvi: jüngere oder ältere Schwester, jüngerer oder älterer Bruder.
Silvi: Und das finde ich halt insofern interessant, weil in dem Moment,
Silvi: wo du das Wort benutzt, gibst du ja gleichzeitig die Information mit,
Silvi: wo dein Platz in der Familie ist.
Timo: Ja.
Silvi: Und natürlich beeinflusst das auch das Denken, weil du hast diese Information
Silvi: gleichzeitig mit dabei.
Silvi: Im Deutschen sagst du, ja, ich habe eine Schwester und dann fragt man vielleicht,
Silvi: ist die jünger, ist die älter? Wie viel? Jünger oder älter? Was auch immer.
Silvi: Und da kriegst du die Information gleich mit. Aber jetzt schweifen wir ja komplett ab.
Timo: Ich finde das super spannend. Das fand ich auch nochmal für,
Timo: weil Sprache ist da ein wichtiger Punkt.
Silvi: Dein Punkt war ja, dass Sprache eben Realität schafft und auch das Denken beeinflusst
Silvi: und ich finde, das zeigt sich sehr stark gerade durch Social Media,
Silvi: wo ja auch viel mehr Jugendsprache,
Silvi: sozusagen über dieses Altersspektrum auch hinausgeht, einfach weil es über Social
Silvi: Media halt verbreitet wird.
Silvi: Ich denke zum Beispiel an den Begriff Ghosten,
Silvi: dass einfach ein Kontaktabbruch ohne Vorwarnung und ohne letzte Nachricht oder
Silvi: so, das ist mittlerweile weit verbreitet.
Silvi: Oder auch Ragebait-Inhalte, die absichtlich provokant gestaltet werden,
Silvi: um eben Klicks zu generieren, ist jetzt glaube ich auch nicht mehr nur so ein Randbegriff.
Timo: Ja, und das zeigt auch wieder, dass die Sprache unter stetigem Wandel,
Timo: du hast es gerade schön gesagt, das Ghost und Ragebait, das kommt dann mit dem Internet.
Timo: Wie lange gibt es das Internet? Jetzt 20 Jahre, 26 Jahre.
Timo: Und dann wandern diese Wörter, wo auch vielleicht Jugendliche über Social Media
Timo: oder auch wir, die die immer wieder verwenden.
Timo: Und dann wandert es einfach in den Sprachgebrauch rein. So wie Portemonnaie,
Timo: Französisch damals nach dem Krieg, ETC, die Besetzung, dann sind halt viele Sachen reingekommen.
Silvi: Also zukünftige Generationen wachsen ja dann damit auf. Für die ist es sozusagen
Silvi: ein normaler deutscher Begriff, weil es ist ja ihre Sprache.
Silvi: Während Ältere sich vielleicht an dem einen oder anderen stören,
Silvi: weil es für sie eben neu ist.
Silvi: Damit sind sie nicht aufgewachsen.
Silvi: Aber nicht gleich im Wortschatz ab.
Timo: Es gibt ja dann immer das Wort des Jahres oder Jugendwort des Jahres,
Timo: glaube ich. Und dann finde ich es immer witzig, was da für Sachen rauskommt.
Silvi: Muss ich jetzt gerade an Susanne Daubner denken, die das immer so schön vorgestellt.
Timo: Ja, super gut. Auch Worte dabei, die sie wahrscheinlich noch nie gehört hat
Timo: und die jetzt dann durch Internet, Social Media da mit reinkommen. Das ist super spannend.
Silvi: Ja, wir schweifen schon wieder voll ab.
Timo: Das macht doch nichts.
Silvi: Ich habe nämlich tatsächlich noch ein paar Beispiele rausgesucht,
Silvi: die vermeintlich alltägliche Begriffe sind, aber durchaus diskriminierend antisemitisch,
Silvi: antimuslimisch sind oder auch zum Teil aus der Kolonialzeit stammen.
Silvi: Und ein Beispiel dafür ist die Nacht-und-Nebel-Aktion.
Silvi: Wusste ich auch nicht.
Silvi: Achso, jetzt habe ich kurz den Faden verloren. Nach der Nebelaktion,
Silvi: hat sozusagen seinen Ursprung darin, dass Hitler befahl, Widerstandskämpfer
Silvi: in besetzten westlichen Ländern heimlich verhaften zu lassen und zu verschleppen.
Silvi: Und die heutige Bedeutung ist ja eher harmlos, dass man sagt,
Silvi: das ist so eine heimliche, überraschende, vielleicht auch hastig organisierte Handlung und,
Silvi: dieser schreckliche Ursprung ist gar nicht bekannt den meisten.
Silvi: Ja, also man benutzt dann Begriffe einfach leichtfertig, weil man den Ursprung nicht kennt.
Silvi: Und das finde ich einfach wichtig.
Silvi: Ja, manchmal Sachen einfach zu hinterfragen. Das kann ich jetzt natürlich nicht
Silvi: für jedes Wort machen. Aber ich glaube, wenn wir uns da alle gegenseitig so
Silvi: ein bisschen sensibilisieren, können wir Sprache auch in eine positive Richtung verändern.
Silvi: Und damit ja auch das Denken.
Silvi: Einfach ein Bewusstsein schaffen, dass nur weil ich das schon immer so kenne,
Silvi: dass das deswegen noch lange nicht okay ist.
Timo: Ja, es beeinflusst ja auch das Miteinander, finde ich.
Silvi: Ja.
Timo: So Sachen fließen halt auch einfach schnell in die Sprache mit ein.
Timo: Wir hatten ja vorhin, wir hatten jetzt auch nochmal aktuelle Beispiele.
Timo: Vielleicht sagen wir in 20 Jahren, oh, das ist jetzt auch nicht mehr geil,
Timo: dass man das sagt, weil das dann mit irgendwelchen Dingen verbunden ist,
Timo: die man jetzt gar nicht auf dem Schirm hat. Das kann ja immer passieren, das finde ich auch okay.
Timo: Und man muss auch nicht immer alles wissen, aber Bewusstsein finde ich schon
Timo: gut. Ich glaube, deswegen sprechen wir auch einfach, um hier ein bisschen Bewusstsein
Timo: zu schaffen. Ja, auch für uns, finde ich sehr wichtig.
Silvi: Ja, in dem Zusammenhang Nacht- und Nebelaktion bin ich auch noch über den Begriff
Silvi: oder die Aussage bis zur Vergasung gestoßen.
Silvi: Heute wird es eher so verwendet, naja, man macht irgendwas extrem lange bis
Silvi: zum Exzess, bis zum Umfallen.
Silvi: Aber der Begriff stand, ist eben auch aus der Nazizeit entstanden,
Silvi: durch den Massenmord in Gaskammern.
Silvi: Ja, und das finde ich total erschreckend, weil ich glaube, zur NS-Zeit hat man
Silvi: noch einen gewissen Bezug, weil es ja noch gar nicht so lange her ist,
Silvi: aber es gibt durchaus auch Begrifflichkeiten aus der Kolonialzeit,
Silvi: die man vielleicht wirklich nicht mehr präsent hat, weil es ist einfach nicht...
Silvi: Nicht überliefert hat. Also man muss es aktiv nachgucken, was ist der Ursprung davon.
Timo: Ja, weil du kannst dich den ganzen Kontext behalten. Es ist auch so,
Timo: du hörst ja auch einfach Worte von jemand anders, verwendest die dann,
Timo: hinterfragst gar nicht, wo es herkommt, was ja auch okay ist.
Timo: Du findest es heutzutage auch, ein cooles Wort in dem Zusammenhang wie Ragebait
Timo: oder das fließt dann in deinem täglichen Sprachgebot, an jemand anders hört,
Timo: das übernimmt es und so verbreitet sich halt auch Sprache.
Timo: Das ist halt auch ein Phänomen, das super, super schnell geht und da kannst
Timo: du nicht immer dann den Kontext dazu kennen oder wissen, ehrlich gesagt.
Timo: Weil der geht ja dann auch über drei, vier...
Timo: Ja, ich sag mal, Position dann verloren. Einer sagt es, okay, übernimmt er.
Timo: Die nächste Person weiß schon gar nicht mehr, worum es ging.
Timo: Aber es ist halt ein Begriff, den man im Alltag gut verwenden kann,
Timo: weil der etwas beschreibt, was man halt hat im täglichen Alltag.
Silvi: Was mir dabei zunehmend wichtiger ist, ist, wenn ich um so einen Hintergrund
Silvi: weiß und jemand verwendet das in meiner Gegenwart, dass ich aufklären möchte.
Silvi: Und das ist total anstrengend, weil ich finde, das ist so eine Gratwanderung
Silvi: zwischen, okay, man will nicht belehrend sein.
Silvi: Gleichzeitig, wenn ich es stehen lasse, nehme ich dieser Person ja auch die
Silvi: Chance, was dazu zu lernen.
Silvi: Ich nehme es jetzt auch bewusst positiv, dass Menschen gerne was dazu lernen wollen.
Silvi: Ich höre aber auch schon genauso dieses, ah, man darf ja gar nichts mehr sagen.
Silvi: Und dann denke ich immer, nee Leute, also wenn man jetzt mal von verbotenen,
Silvi: oder strafrechtlich relevanten Begriffen absieht, darf man schon noch alles sagen.
Silvi: Es kommt ja keine Sprachpolizei, du kommst dafür nicht in den Knast,
Silvi: du musst kein Geld bezahlen.
Silvi: Aber du musst halt da auch damit rechnen, dass jemand eben das anspricht.
Silvi: Und wenn du halt sagst, das ist mir egal, dann sagt das halt auch was über dich als Mensch.
Silvi: Also wenn du den Hinweis bekommst, dass der und der Begriff problematisch ist
Silvi: und du den vielleicht besser nicht mehr verwenden solltest,
Silvi: und du verwendest den trotzdem, dann ist es eine aktive Entscheidung,
Silvi: mit der du klar machst, das ist mir scheißegal, ob ich damit jemanden verletze.
Timo: Genau.
Timo: Das muss deinem Bewusstsein.
Silvi: Genau, das ist so mittlerweile meine Antwort an diese, man darf ja gar nichts mehr sagen.
Silvi: Doch, darfst du schon. Genauso darf ich halt auch sagen, dass ich es nicht okay finde.
Timo: Ja, und ich glaube dann, das Resultat daraus ist der fehlende Diskurs einfach, weißt du?
Timo: Dass die Menschen das sagen, weil man sich nicht mehr miteinander auseinandersetzen kann.
Timo: So dieses, man spricht miteinander, warum ist es nicht gut, weil jeder will
Timo: irgendwie dem anderen gefühlt so das, was ich sage, ist richtig so aufdrücken.
Silvi: In beide Richtungen. Ja, jeder will Bestätigung, das ist halt einfacher.
Timo: Und darum geht es, es geht ja auch wieder um Aushalten.
Silvi: Ich sage ja, das ist voll anstrengend.
Timo: Ja, es geht ja um Aushalten, aber auch wie du sagst, klar kannst du das sagen,
Timo: aber dann ist dir ein Miteinander mit dem anderen gegenüber egal,
Timo: wenn der sagt, nee, das finde ich nicht gut, weil das Es diskriminiert mich, es verletzt mich.
Timo: Man kann ja auch sagen, okay, habe ich verstanden, danke dir,
Timo: ich versuche es anders zu benennen oder zu machen und dann hat man Rücksicht
Timo: auf den anderen genommen.
Timo: Wenn man das nicht macht, dann ist es auch okay, aber dann hat man halt miteinander
Timo: nichts mehr zu tun oder muss sich dann gefallen lassen, dass man den anderen diskriminiert.
Silvi: Ich denke, der Punkt ist einfach, das tut mir doch nicht weh,
Silvi: ein anderes Wort zu benutzen, wenn das jemandem hilft. Also das ist mein Ansatz.
Timo: Ich glaube aber, darum geht es nicht. Es ist, glaube ich, ein Mix aus Veränderung,
Timo: alles geht so schnell, Angst auch, vielleicht auch eigene Identität und so zu verlieren.
Silvi: Du meinst, dass man so schnell das Gefühl hat, ich komme da gar nicht mehr mit?
Timo: Voll.
Silvi: Ja gut, aber ganz ehrlich, dann kannst du ja fragen, wenn jetzt jemand einen
Silvi: Begriff benutzt, den du entweder nicht kennst oder dir jemand sagt,
Silvi: hey, das, was du gerade gesagt hast, ist so nicht gut.
Timo: Ja.
Silvi: Dann frag halt, warum oder was bedeutet dieser Begriff?
Timo: Und dann sind wir wieder bei dem, was ich gesagt habe mit Diskurs.
Silvi: Und dann ist man halt wieder in Verbindung. Aber wenn ich, finde ich halt immer
Silvi: nur auf meinem Stand bleiben will und dann tut sich halt nichts.
Timo: Genau, miteinander reden. Du hast gesagt Verbindung. Das geht halt oft verloren,
Timo: diese Verbindung. Und dann wäre das glaube ich, das darf man nicht mehr sagen,
Timo: nur noch halb so schwer, weil dann kann man sich nämlich darüber unterhalten.
Timo: Und trotzdem okay auseinander gehen.
Silvi: Na klar.
Timo: Das geht ja immer. Aber das fehlt heute, dieser Diskurs, dieser Austausch.
Silvi: Ja, meistens ist es so, ich habe es ja nicht böse gemeint. Ja,
Silvi: okay, das macht es ja aber nicht.
Timo: Das macht es nicht besser.
Silvi: Ja, also es ist halt trotzdem immer noch nicht okay.
Timo: Ja, beziehungsweise man kann es doch einfach aufnehmen und sagen, okay, wusste ich nicht.
Silvi: Ja, genau.
Timo: Ja, weißt du. Natürlich meint man es nicht böse. Also natürlich denkt man,
Timo: dass der andere immer, also ich versuche immer vom anderen auszugehen,
Timo: dass das gut ist und jeder hat gute Absichten.
Silvi: Das sage ich auch immer, ja das hoffe ich doch, dass das nicht böse gemeint war.
Timo: Eben, ja.
Silvi: Also wenn das die Intention ist, brauchen wir gar nicht weiterreden.
Timo: Genau, und das ist auch okay. Voll, sehe ich genauso. So, was ist das Fazit?
Silvi: Was ist dein Fazit? Ich glaube, mein Fazit ist Bewusstsein schaffen und vielleicht
Silvi: auch das eine oder andere Mal hinterfragen.
Silvi: Also gerade, wenn wir jetzt nochmal so zurückgehen auf den Anfang,
Silvi: gewaltvolle Sprache oder dieses unter die Fittiche nehmen, hattest du glaube ich genannt?
Timo: Nee, das hatte ich nicht genannt.
Silvi: Hast du nicht genannt? Okay, dann schließen wir damit ab.
Silvi: Unter die Fittiche nehmen klingt erstmal super fürsorglich oder ist so gemeint,
Silvi: kommt aber ursprünglich auch daher, dass Geflügel die Flügel gestutzt wurden,
Silvi: um die an der Flucht zu hindern.
Silvi: Und das ist ja zum Beispiel ein Begriff, wo du sagst, okay, was ist denn überhaupt Fittische?
Silvi: Also das kann ein Indiz sein, dass man einfach mal guckt, wo kommt denn das
Silvi: eigentlich her und sich dann damit auseinandersetzt, will ich das weiterverwenden?
Timo: Ich merke bei uns, dass wenn wir uns über so Themen unterhalten,
Timo: dass ich dann auch in anderen Unterhaltungen, dass das dann so geheighlightet
Timo: wird im Kopf bei mir. Das läuft dann wie so über den Filter und ich merke das
Timo: dann, dass man da ein Gefühl für kriegt. Das finde ich ganz interessant.
Silvi: Genau. Und ich glaube da einfach ein Bewusstsein schaffen für sich selbst und
Silvi: vielleicht auch bei anderen sagen, du weißt eigentlich, wo das herkommt.
Silvi: Oder wusstest du eigentlich, dass das vielleicht ein negativ behafteter Begriff
Silvi: ist und wie man es anders formulieren kann, also auch eine Alternative an die Hand geben.
Silvi: Ja, ich denke, das ist eine Möglichkeit, wo jeder von uns auch ein Stück positiven
Silvi: Einfluss nehmen kann und dass es gar nicht darum geht, hier alles 100% richtig
Silvi: machen oder sich gar nicht mehr unterhalten aus lauter Angst,
Silvi: ich sag was Falsches oder so.
Timo: Ja, genau. Das wäre schlecht. Ich kann nicht mehr unterhalten.
Silvi: Das wäre so mein Take.
Timo: Ja. Ich habe drei Takes für mich mitgenommen.
Silvi: Heute überziehen wir ja massiv.
Timo: Sprache, ja, macht nichts. Können wir heute noch machen. Das ist ein großes
Timo: Thema auch, muss ich sagen.
Silvi: Und wir haben vieles nur angekratzt.
Timo: Vieles nur angekratzt. Der erste Punkt ist, Sprache bestimmt,
Timo: wie wir denken und handeln. Das finde ich super entscheidend und wichtig.
Timo: Dann ist Sprache ein Spiegel des Lebens und der Realität.
Timo: Wie sieht es gerade aus? Wir haben es gerade gesagt, Internet,
Timo: woher kommen die Worte, wann sind die entstanden, wie kommen die in den Sprachgebrauch?
Timo: Und das heißt einfach als dritten Punkt, dass Sprache ist beweglich und steht
Timo: unter ständiger Veränderung.
Timo: Je nachdem, äußere Einflüsse, etc. Es gibt so viele Punkte und ich finde es
Timo: auch schön, dass sich Sprache verändert, weil das zeigt einfach, wo wir gerade stehen.
Silvi: Das zeigt die Vielfalt.
Timo: Total. Sehr schön.
Timo: Dann vielen Dank fürs Zuhören und das war wieder Caf Coffee Chaos Clarity,
Timo: euer Podcast, bei dem wir beim Kaffeetrinken unser Gedankenchaos sortieren,
Timo: um klar zu finden. Tschüss.
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